Autumn

Der Herbst ist da und ich mag ihn sehr. Die gelben Blätter und die roten. Die nachlassende Kraft der Sonne. Den Wind, der altes von den Bäumen fegt, um Platz für Neues zu schaffen. Der Herbst hat für mich eine Ruhe und eine Kraft, etwas melancholisches und verabschiedendes, etwas raumöffnendes und klärendes. Ich mag ihn, den Herbst.

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Autumn

Über den Anstand

Kurz und knapp vorweg: Herr Hacke, ich liebe Sie. Haben Sie doch genau das Buch geschrieben, dass ich mir seit einiger Zeit wünschte. Aber von vorn.

Schon vor längerer Zeit fiel mir auf, wie unglaublich respektlos, schreiend und polternd Menschen in Online-Medien aufeinander losgehen. Nicht wirklich aufeinander, eher, gegen den Autor des kommentierten Artikels, gegen den Artikel selbst, gegen andere Kommentatoren, manchmal auch gegen die Welt an sich. Und gerne auch gegen „die da oben“. Weil „die da unten“ ja nichts haben. Und nichts kriegen. Und im Zweifelsfall in Bälde, also im Falle einer Islamisierung des Abendlandes oder schlicht der nächsten Firmenpleite – nicht mal VW ist mehr sicher! – alles verlieren.

Was für ein Wust aus Panik, Wut, Angst und Hysterie in voller Lautstärke. Und dazu: Trump. Der polterndste, dümmste, mit Abstand geltungsgeilste Vogel unter der Hemisphere, der per Twitter, PER TWITTER!, regiert, mit 120 Zeichen weltpolitische Krisen auslöst und das wird gewissermaßen achselzuckend hingenommen. Ja geht’s noch? Woher kommt das? War das schon immer so? Gab es vielleicht immer schon Orte, die ich in meiner gutbürgerlichen Bildungsblase nie wahrgenommen habe? Geht es uns vielleicht wirklich schlecht? Hat der, der am lautesten schreit am Ende recht? Mein Bauch sagt: Nein.

In sehr masochistischen Momenten lese ich mich durch ganze Foren. Und mein Kopf fährt Karussell auf der Suche nach Argumenten. Nach dem Aber. Aber es geht uns doch gut. Aber müssen wir uns so anschreien. Aber warum unternimmst Du nichts, wenn es so furchtbar ist? Meistens halte ich die Klappe. Weil ich nicht sicher bin, ob ich die besseren Argumente habe. Weil einiges so unglaublich abstrus ist, das mein Logikzentrum im Hirn Error anzeigt. Weil ich manchmal Themen nicht so weit durchschaue oder erst mal für mich recherchieren, klarer haben will, bevor ich mich schwarz oder weiß oder grau dazu äußere. Und weil ich manchmal das Gefühl habe, dass hinter dem ganzen lauten Theater etwas liegt. Das es eben nicht ausschließlich darum geht Angela Merkel zu diffamieren.

Und dann stolperte ich über den Buchtitel: „Über den Anstand in schwierigen Zeiten und die Frage, wie wir miteinander umgehen.“ Geschrieben hat dieses – auch noch wunderschöne Büchlein – Axel Hacke, vielen bekannt als Kolumnist im SZ Magazin.

Ohne erhobenen Zeigefinger, einfach mit einem sehr klugen, historisch bewanderten, wunderbar belesenem Blick auf das Thema Anstand beleuchtet er zielsicher meine Fragen.

Eine riesengroße ans-Herz-lege-und-Leseempfehlung, für alle, die sich auch manchmal ebensolche und andere Fragen fragen.

 

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Über den Anstand

Be bolt.

Grade ist Leichtathletik-WM. Und weil ich früher auch mal aktiv war schaue ich da tatsächlich gern rein. Am Wochenende dann 100 m-Herren-Finale. Ein Brimborium sondergleichen, hört doch der Herr Bolt nach dieser WM auf. Hauptsächlich weil er endlich die Füße hochlegen und fettig essen will, was mir grundsätzlich sehr sympathisch ist. Im Endlauf ebenfalls dabei: Justin Gatlin. Zweimal Doping-gesündigt, bei weitem kein lässiger Showman wie Bolt, dazu noch versehen mit dem Label „Verräter“, weil er als Kronzeuge gegen seinen damaligen Trainer ausgesagt hat und sich gewissermaßen ein Wiederstartrecht erkauft hat. Gut gegen Böse also.

Die versammelten Medien haben sich das Finale in London folgendermaßen vorgestellt: Auf die Plätze, fertig, los, Bolt liegt zu Anfang hinten, nach 40 Metern zündet er den üblichen Turbo und fliegt als Sieger durchs Ziel. Good fights evil.

Abgelaufen ist es ein bißchen anders: Bolt startet schlecht, liegt nach 40 Metern irgendwo in der Mitte des Feldes, ein junger Amerikaner liegt vorne und scheint den Lauf zu gewinnen, da fliegt der böse Justin Gatlin auf der Außenbahn an allen vorbei ins Ziel.

Schockstarre und Buhrufe im Publikum.

Und die Läufer? Bolt gratuliert Gatlin herzlich, umarmt ihm, spricht ihm ins Ohr. Gatlin löst sich von Bolt, fällt vor ihm auf die Knie und verbeugt sich, Respekt für eine lange Siegesserie.

Die Medien? Erbost.

Ich für meinen Teil finde die Reaktion der Sportler überragend. Gatlin, der seit Jahren permanent ausgebuht wird – er durfte starten. Und das tat er. Die Eier muss man erst mal haben, bei dem Gegenwind nicht das Handtuch zu werfen. Täglich weiter zu trainieren und sich jedes mal aufs Neue dieser Stimmung auszusetzen. Natürlich hätte er nach zwei Dopingvergehen gesperrt bleiben müssen. Aber das System wurde aufgeweicht. Und Usain Bolt? Lässt sich auch nicht zum Spielball machen. Geht auf „das Böse“ zu. Umarmt Gatlin und wertschätzt seine Leistung.

Das finde ich ehrlich groß. Entgegen der vorherrschenden Stimmung, entgegen Hype und Schreierei einfach mal ein bißchen leiser sein. Und respektvoller. Und fairer.

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Be bolt.

Me and that jazz.

Ich mag Musik. So ganz grundsätzlich. Pop, Indie, Rock und allerlei drumherum und daneben. Aber Jazz? Diese Richtung zwischen Fahrstuhlgedudel, keiner Aufnahme unter 10 Minuten und wilden Soli aller Instrumente? Puh, nö, irgendwie anstrengend, irgendwie kopfschmerzig, irgendwie gar nicht meins.

Und dann ging ich auf ein Konzert mit einer Freundin. Und sah Filippa Gojo. Und war zunächst mal ganz grundsätzlich beeindruckt. Seit einer Weile Gesangsunterricht nehmend verstand ich, dass das, was die Dame dort vorn mit ihrer Stimme aufführte, doch ziemlich besonders ist. Und ja, es gibt sie, diese ganzen Soli. Und ja, es wird auch viel. Und doch, sie führte immer wieder in die Melodie zurück. Die Stimme funktionierte als Instrument, als Teil des Ensembles.

Trotzdem war ich nicht ganz überzeugt. Aber ein Song aus dem Konzert kam immer wieder in die Hirnwindungen zurück. Ein Jazz-Ohrwurm, wer hätte das gedacht.

Und dann bekam ich im Unterricht einen guten Schwung Jazz-Stücke. Manche sofort ansprechend, andere aus der Fraktion: Wie soll man das denn singen? Und wo bitte ist der Takt? Und überhaupt?

Konkret: My foolish heart. Ein Jazz-Standard. Gesungen von Kurt Elling. Das ist eine dieser Sorte Stimmen, die mir direkt ins Stammhirn gehen und dort ein dickes „Boah“ hervorruft. Satt, locker, unangestrengt, voll da. Und da saß ich nun mit Kurt und meinem Notenblatt und überlegte, wie das wohl zusammengehen mag. Und hörte mir den Song an. Nochmal. Und nochmal. Und nochmal. Und langsam verstand ich. Takt. Melodie (doch, doch, die ist da). Und dann kam ein großes, neues Wow.

Vielleicht wird das ja doch noch was, mit mir und dem Jazz. Vielleicht ist es auch nur eine kurze Verliebtheit. There’s a line between love and fascination, it’s hard to tell on an evening such like this. Wir werden sehen, der Kurt und ich.

 

Me and that jazz.

Klischee ade.

Gestern war Freibad. Nach sehr arbeitsintensiven Wochen davor hatte ich gestern endlich etwas Muße und dachte mir: Montag Vormittag, eineinhalb Stunden Zeit bis zum nächsten Termin, ich gehe schwimmen.

Das Freibad war sehr leer. Auf der Liegewiese fanden sich hauptsächlich nahtlos durchgebräunte Rentner und ein paar Familien mit kleinen Kindern. Ich schwamm meine paar Bahnen, warf mein Handtuch auf die Wiese und lies mich trocknen. Herrlich.

Dann plötzlich: Lauter youtube-Sound von links. Offensichtlich irgendeines dieser vermaledeiten Quatschvideos, die gerne auch über whatsapp von mittelalten Tanten verschickt werden. Eines nach dem anderen in voller Lautstärke, dazu lautes Gelächter und Gegacker. Immer diese Teenies denke ich mir und schaue rüber. Ich muss revidieren. Immer diese Rentner! Da sitzen Omma eins und Omma zwei mit Oppa eins, schauen sich auf einem Smartphone Unsinn an und lachen sich krumm.

Eigentlich ganz süß. Denke ich. Würden sie nicht grade in meiner ein-Stunden-Idylle liegen. Ist eh fast rum die Zeit, ich packe zusammen und mache mich auf zum nächsten Termin.

Und die Moral von der Geschicht? Das Vorurteil hat manchmal Gicht.

Klischee ade.

Wortklauberei.

Im Mai wird meine Tochter vier. Und sie quasselt praktisch ununterbrochen. Das ergibt dann diese wunderbaren und für nicht-Eltern manchmal nervigen Anekdoten. Die schönste auf unserem Papier bisher: Es geht um das diffizile Thema Sterben. Die Oma C. zum Opa H., die gibt es schon länger nicht mehr. Wo die hin ist, wenn sie gestorben ist, fragt das Kind. Und ich sage, alte Geschichten nachplappernd, im Himmel. Das Kind überlegt kurz und fragt dann, ob wir sie da nicht besuchen könnten. Mit dem Flugzeug. Schließlich wären wir auf dem Weg in den Urlaub auch in den Wolken gewesen. Kurz bleibt mir die Spucke weg und ich stelle fest, das der alte christliche Hokuspokus in unserer technisierten Welt nicht mehr so recht funktioniert.

Und etwas anderes fällt mir an der Sprache meiner Tochter auf.
„Mama, ich liebe Schokoladeneis! Und ich liebe die Kindergartentante 1 und die Kindergartentante 2!“

Ist das schön. Ich bilde mir ein wir sind früher über „mögen“ nicht hinaus gekommen. Und eigentlich schränkt das die Zugewandheit doch ordentlich ein, wenn man etwas höchsten „mögen“ darf. Oder hat sich da schon der amerikanische Sprachgebrauch durchgesetzt? I’m lovin‘ it? Na wir werden sehen. Zur Zeit jedenfalls, genieße ich das. Und bin gespannt, wann das hassen folgt. Vielleicht dann mit fünf, spätestens wohl mit Vierzehn.

Wortklauberei.