Frei drehen

Heute ist einer dieser Tage, die aus dem Kalender katapultiert gehören. Viel zu viel zu tun, viel zu viel, dass sich nicht tun lässt, das sich des mit sich tun Lassens verweigert.

Und ich? Möchte das auch. Mich verweigern heute. Der Technik verweigern. Nicht ans Telefon gehen. Nicht den Rechner hochfahren. Nicht Zahlen verdrehen beim Layouten. Nicht Kaffee umwerfen beim Aufstehen vom Tisch und alles über die frisch gewaschene Hose schütten. Einem Tag, der solche Elemente zuhauf raushaut sollte man den Stinkefinger zeigen und sagen: Weißte was? Ich mag nicht mehr. Ich dreh jetzt frei.

Frei drehen.

Was für ein zauberhafter Begriff. Sich frei drehen zu können, ohne anzustoßen. Luftzug genießen dabei. Ein bißchen wie Karussell fahren. Dabei die Augen schließen, nach oben gucken und warten, bis die weißen Sternchen vor den Liedern tanzen. Da kommt das Grinsen von ganz allein.

Sollten wir öfter machen. Frei drehen. Einfach so.

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Frei drehen

Paint it red.

Ich bin, was das Thema Schminken anbelangt, recht unbeleckt. Trotz meines nicht mehr oder grade wegen meines nicht mehr völlig jugendlichen Alters und der Tatsache, das mir aufreibende Gesichtsrestauration immer einigermaßen als Zeitverschwendung erschienen. Mein Arsenal an Utensilos zum Thema „Reinigen, Klären, Pflegen und Schminken“ belief sich lange auf eine Tagescreme und etwas Make-Up für die ganz schrecklich pickeligen Tage. Irgendwann hatte ich den Rappel, das ein knallroter Lippenstift möglicherweise ein hübscher Knalleffekt in meinem insgesamt recht aufgeräumten Gesicht wäre, zumal auf einer Bühne, zumal in der Moderation, zumal überhaupt. So, dachte ich, läufste mal in den nächsten Fachhandel, kaufst Dir einen roten Lippenstift, erledigt.

Weit gefehlt.

Ich betrete eine jener Filialen der Marken, aus der man laut Werbespruch auch wieder herausfindet und stehe etwas ratlos vor den Lippenstiftfarbpaletten und den etwa 10 verschiedenen Marken. Besinne mich, greife einen heraus, der mir gefällt, werde angesprochen. „Kann ich helfen?“ Ich weiß nicht recht, wie, bin aber neugierig, sage ja. „Ich schminke mich nicht so oft“, sage ich und sehe im Gesicht der Verkäuferin ein großes, etwas mitleidiges „Das hätten Sie mir nicht sagen müssen“. Zack, sitze ich auf einem dieser Stühle, vor einem dieser Spiegel, umgarnt von einer anderen, sehr jungen Verkäuferin, die ein wenig wirkt wie ein Mix aus Lady Gaga und Ariana Grande, mit sehr viel pink und Glitzer im Gesicht und werde, nun ja, beraten.

„Zuerst Make-Up“ sagt sie. Ich sage nichts und lasse mich einpinseln. Sie verwandelt mich in einen sehr hellen Zombie. „Ist vielleicht ein bißchen, öhm, hell“ sage ich „und sieht etwas bröselig aus.“ Das läge an meiner Haut, sagt sie, die sei trocken, sagt sie, da wäre ein Primer gut. Ich lasse sie gewähren und sehe zu, wie meine eine Gesichtshälfte nach dem auftragen besagten Primers zu prickeln beginnt, darauf ein etwas dunklerer Make-Up-Ton folgt und ich anschließend wie ein etwas dunklerer Zombie ausschaue. Es folgt: Puder. Daraufhin: Rouge. Und ich finde ich sehe wieder etwas mehr aus, wie ich, eigentlich wie vorher, vielleicht ein bißchen weniger rot. Und ein bißchen weniger lebendig.

Ich lerne daraufhin noch, das man das Zeug mit einer Reinigungsmilch wieder runter kriegt, das man die Haut daraufhin aber unbedingt klären und pflegen solle.

Wie viel Zeit kann man damit verbringen? Wie viel Geld dafür ausgeben? Es lässt mich etwas fassungslos zurück. Ich beschließe zu meinem Minimal-Aufwand zurückzukehren, hie und da vielleicht mal öfter das Make-Up zu verwenden, sonst kippt das irgendwann um – gut aussehen und schlecht riechen erscheint mir auch nicht erstrebenswert – und den Rest der Zeit mit schöneren Dingen zu verbringen.

Denn, wenn ich schlecht drauf bin, dann kann ich auch so aussehen und wenn ich Lust auf Knüller-Rote-Lippen habe, dann ist das ok. Und die Lebenszeit, die ich mir damit spare lässt sich hervorragend anderweitig verwenden.

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Paint it red.

Zweitausendneunzehn

Ein neues Jahr ist da. Und? Wird sich etwas ändern? Fragt dieses kleine Element, das immer fragen muss, auf der einen Schulter. Nichts, wie immer, antwortet das kleine Element, das immer die Antworten gibt, auf der anderen Seite.

Aber immerhin haben wir jetzt Schnee.

Ja, wie immer. Erst im neuen Jahr. Nicht im alten, wo sich alle Medien und Schwiegermütter danach sehnen, endlich mal wieder weiße Weihnachten. Wann war das eigentlich zuletzt? Weiße Weihnachten? Irgendwo habe ich gelesen, das ein 10jähriges Kind noch nie weiße Weihnachten gesehen hat.

Ehrlich gesagt: Ich glaube es gibt Schlimmeres.

Und wird sich jetzt etwas ändern? Und wenn ja, warum? Irgendwo zwischen „Liebe Dich selbst“ und „jetzt habe ich doch so viel gegessen und getrunken und geraucht und wasweißichnichtnochalles“ kommen diese Ad-Fensterchen auf allen Plattformen und bieten Abhilfe. Sich grade halten üben mit einer App, die am Rücken vibriert, wenn man schief sitzt. Mehr Yoga. Sowieso Yoga. Überall Yoga. TCM-Ernährungs-Tipps. Aufräumchallenges.

So viele Möglichkeiten, Vorschläge, Mahnungen an das Selbst, das schlechtere Selbst und das selbstoptimierende Selbst…. Anstrengend.

Ich schaue in den Schnee und denke, dass der doch ganz schön ist. So ruhig. Ohne Werbebanner und Aufforderungen. Und genauso, denke ich, sollten wir 2019 angehen. Mit Ruhe. Gelassenheit. Die Hektik noch ein wenig in 2018 lassen, bevor sie uns mit Sicherheit ins neue Jahr verfolgt. In diesem Sinne startet schön und kommt gut an. In dieses Zweitausendneunzehn.

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Zweitausendneunzehn

Es gipfelt.

Selten schreibe ich wirklich politisch. Ich bin mir nicht sicher, ob ich das wirklich kann, ob meine Kenntnisse dazu reichen. Andererseits: Die Menschen, die in facebook-Kommentar-Leisten wütend herumbrüllen, persönlich werden, andere angreifen, Schein-Argumente wie Waffen verwenden, haben auch in den seltensten Fällen einen Abschluss in Politik-Wissenschaften, also what shalls.

Vorneweg: Ich kann es nicht mehr hören. Ich kann das Wort „Flüchtling“ nicht mehr hören. Ich kann nicht mehr hören, dass den Rettungsschiffen das Anlegen verweigert wird. Dass Politik-Verantwortliche Grenzen dicht machen wollen. Dass „die Ausländer“ an allem (was eigentlich genau?) schuld sein sollen.

Ich kann – und will – mir auch nicht vorstellen, dass ein Großteil der Menschen so denkt und in weiterer Folge bereit wäre, den Nachbarn notfalls mit der Pumpgun über die Grenze zurück nach Ungarn zu treiben, auf maroden Schlauchbooten wieder auf das Mittelmeer hinaus zu schicken. Männer, Frauen, 4-jährige Kinder, die Torturen sondergleichen hinter sich haben. Sowas geht nur, wenn entpersonalisiert wird, was das Zeug hält. Wenn Menschen nicht mehr als Menschen, sondern als personifizierte „Schuld an meinem Unglück“ wahrgenommen werden.

Und doch schreien so viele „Hurra!“. Freuen sich über die Politik. Weil sie sich endlich im Mittelpunkt wähnen, die scheinbar Kleinen, die hart Arbeitenden, die sich nicht genug wertgeschätzt sehen, die sich die dicke Villa von Innenminister Kickl nicht leisten können. Der eine berittene Polizei einsetzen will und dafür schon ein Pferd hat. Der Grenzschutzverteidigungs-Gedöns an der Grenze veranstaltet.

Ich kann das kaum fassen.

Wie viel Bildung wäre möglich, würde das Geld dort angelegt anstatt in einer berittenen Polizei? Wie viel Pflege oder Kinderbetreuung? Wie viele Dinge, die an Aufbau und nicht in Abriss, Pseudoschutz und Pseudosicherheit investieren?

Ich würde gerne in Frieden leben. Frieden in diesem Land und möglicherweise auch in anderen. In Frieden mit den Menschen um mich herum, wurscht welcher Herkunft und Hautfarbe, wurscht welchen Kontostandes und welchen Berufs. Wurscht welchen Alters.

Ich würde mir wünschen, dass man hilft, wo geholfen werden muss. Ich möchte nicht zerstören. Ich möchte meine Familie auf der anderen Seite der Grenze besuchen können, ohne sinnfreie Visa-Anträge stellen zu müssen. Ich denke, „die“ auf der anderen Seite würden auch deutlich lieber in Frieden leben.

Und – ja – da gibt es natürlich andere Kulturkreise. Und – ja – keiner hat etwas von einfach gesagt. Und – doch – ich glaube, wir schaffen das. Aber nicht mit Hass. Hass hat noch nie geholfen. Niemandem. Nie. Nochmal, weil es so wichtig ist: Hass hilft nicht. Hass macht blind, Hass macht Dummheiten und Hass macht einsam.

Wer zerstört, hat keine Zukunft.

 

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Es gipfelt.

Schiffschaukel.

Es ist Juni und ich kann kaum glauben, dass der Sommer schon da ist. Beinahe jeden Tag können wir nach Arbeit und Kindergarten in den nahen Bodensee springen und diesen Luxus des leicht verfügbaren Badegenusses nutzen. Ja, Luxus, indeed.

Und dann liegt man gemütlich auf dem Handtuch als plötzlich von hinten laute 90er-Jahre-Boxenmusik in Gestalt von Haddaways „What is love“ und Uringeruch herüberwabern: Es ist Frühlingsfest. Also Kirmes, Rummel, wie auch immer man das bezeichnen mag. Schaubuden brüllen einem Angebote entgegen, drei Fahrten zum Preis von einer, es ist so laut, das man sein eigenes Wort nicht versteht und über einem dreht sich ein, ja, wie heißt das Ding überhaupt, mega-schiffschaukelartiges Etwas mit kreischenden Jugendlichen. Die Tochter ist begeistert. Außer von der Geisterbahn. Da steht schon draußen ein Skelett und angelt mit einer überdimensionierten Spinne nach Besuchern. Da mag sie lieber doch nicht mehr vorbei gehen. Nicht mal mehr vorbei gehen. Der Grusel wirkt ganz ohne Eintritt. Aber ansonsten findet sie es sehr super. Und wir? Lassen uns breitschlagen einen hart überteuerten knatschepinken Helium-Luftballon zu kaufen, den wir später nur mühsam mit dem Kinderrad-Anhänger nach Hause bekommen. Das Ding ist einfach zu groß.

Und dann kaufen wir uns noch irgendetwas sehr süßes, sehr fettiges in Tüten, packen Kind und Kegel in den Anhänger und suchen uns eine Stelle am See, wo wir zufrieden mit fettigen Fingern und sich langsam entspannenden Gehörgängen die Aussicht über den See genießen. Neben uns schwebt ein Einhorn im Wind, ich finde, es sieht zufrieden aus.

Manche Orte sind eben schrecklich. Und dann doch irgendwie auch ein bißchen schön.

Schiffschaukel.

5

Jetzt ist sie schon fünf. Kaum zu glauben. Plötzlich steigen die Plattitüden wie Luftballons an die Decke: Wie die Zeit vergeht! Nein, was ist sie groß geworden! Und seufzend schaue ich dem Flüggewerden des Nachwuchses zu. Und das alles ist gänzlich unironisch gemeint. Das ich das mal sagen würde – fühlen würde! – hätte ich auch nicht gedacht. Lass es krachen, kleines Mädchen, die Welt ist schön und wartet auf Dich! Alles Gute zum Geburtstag!

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5

Neuland

Ich habe schon immer gesungen. Seit ich denken kann eigentlich. Und versucht mir autodidaktisch Instrumente beizubringen, was zu einer Zeit vor Youtube-Hilfsvideos und auf dem Land jot weh deh gar nicht so leicht war. Und so blieben meine Keyboard- und Gitarren-Fertigkeiten auch eher auf Lagerfeuerniveau. Vor einiger Zeit habe ich mir ein Herz gefasst und mit Gesangsunterricht begonnen. Ohne rechte Planung, erstmal für mich. Testen, was geht, was die Stimme tut, was Spaß macht. Und es macht Spaß. Holla, was macht mir das Spaß. Jetzt hat meine Gesangslehrerin beschlossen mich auf die Bühne zu bringen. Als Band, als Duo, ganz egal. Und tatsächlich: Gestern hatte ich eine Art Casting bei einer frischen, sehr versierten Band im Bereicht Jazz/Funk. Holla, was hat das Spaß gemacht (sagte ich das schon? Egal, nicht oft genug). Jetzt warten wir auf die Entscheidung.

Ob es klappt, ob es nicht klappt ist nicht direkt egal, natürlich nicht. Aber überhaupt die Gelegenheit zu bekommen, sich am Mikro mal auszuprobieren ist so wunderbar! Zu schauen, ob die Chemie passt. Ob Instrumente und Stimme zusammen finden. Ob es groovt.

Ich bin sehr gespannt, ob und wie es da weiter geht.

Und heute darf ich schon wieder ans Mikro. Als Co-Moderateuse eines Poetry-Slams. Irgenwie sagt die Bühne grade deutlich „Hallo!“ zu mir. Und ich frage gerne zurück: „Wie geht’s?“ Und dann schauen wir mal, wie wir uns vertragen, was sich da für eine Beziehung entspinnt, zwischen der Bühne und mir.

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Neuland