Frei drehen

Heute ist einer dieser Tage, die aus dem Kalender katapultiert gehören. Viel zu viel zu tun, viel zu viel, dass sich nicht tun lässt, das sich des mit sich tun Lassens verweigert.

Und ich? Möchte das auch. Mich verweigern heute. Der Technik verweigern. Nicht ans Telefon gehen. Nicht den Rechner hochfahren. Nicht Zahlen verdrehen beim Layouten. Nicht Kaffee umwerfen beim Aufstehen vom Tisch und alles über die frisch gewaschene Hose schütten. Einem Tag, der solche Elemente zuhauf raushaut sollte man den Stinkefinger zeigen und sagen: Weißte was? Ich mag nicht mehr. Ich dreh jetzt frei.

Frei drehen.

Was für ein zauberhafter Begriff. Sich frei drehen zu können, ohne anzustoßen. Luftzug genießen dabei. Ein bißchen wie Karussell fahren. Dabei die Augen schließen, nach oben gucken und warten, bis die weißen Sternchen vor den Liedern tanzen. Da kommt das Grinsen von ganz allein.

Sollten wir öfter machen. Frei drehen. Einfach so.

tyler-lastovich-225321-unsplash.jpg

 

 

Frei drehen

Paint it red.

Ich bin, was das Thema Schminken anbelangt, recht unbeleckt. Trotz meines nicht mehr oder grade wegen meines nicht mehr völlig jugendlichen Alters und der Tatsache, das mir aufreibende Gesichtsrestauration immer einigermaßen als Zeitverschwendung erschienen. Mein Arsenal an Utensilos zum Thema „Reinigen, Klären, Pflegen und Schminken“ belief sich lange auf eine Tagescreme und etwas Make-Up für die ganz schrecklich pickeligen Tage. Irgendwann hatte ich den Rappel, das ein knallroter Lippenstift möglicherweise ein hübscher Knalleffekt in meinem insgesamt recht aufgeräumten Gesicht wäre, zumal auf einer Bühne, zumal in der Moderation, zumal überhaupt. So, dachte ich, läufste mal in den nächsten Fachhandel, kaufst Dir einen roten Lippenstift, erledigt.

Weit gefehlt.

Ich betrete eine jener Filialen der Marken, aus der man laut Werbespruch auch wieder herausfindet und stehe etwas ratlos vor den Lippenstiftfarbpaletten und den etwa 10 verschiedenen Marken. Besinne mich, greife einen heraus, der mir gefällt, werde angesprochen. „Kann ich helfen?“ Ich weiß nicht recht, wie, bin aber neugierig, sage ja. „Ich schminke mich nicht so oft“, sage ich und sehe im Gesicht der Verkäuferin ein großes, etwas mitleidiges „Das hätten Sie mir nicht sagen müssen“. Zack, sitze ich auf einem dieser Stühle, vor einem dieser Spiegel, umgarnt von einer anderen, sehr jungen Verkäuferin, die ein wenig wirkt wie ein Mix aus Lady Gaga und Ariana Grande, mit sehr viel pink und Glitzer im Gesicht und werde, nun ja, beraten.

„Zuerst Make-Up“ sagt sie. Ich sage nichts und lasse mich einpinseln. Sie verwandelt mich in einen sehr hellen Zombie. „Ist vielleicht ein bißchen, öhm, hell“ sage ich „und sieht etwas bröselig aus.“ Das läge an meiner Haut, sagt sie, die sei trocken, sagt sie, da wäre ein Primer gut. Ich lasse sie gewähren und sehe zu, wie meine eine Gesichtshälfte nach dem auftragen besagten Primers zu prickeln beginnt, darauf ein etwas dunklerer Make-Up-Ton folgt und ich anschließend wie ein etwas dunklerer Zombie ausschaue. Es folgt: Puder. Daraufhin: Rouge. Und ich finde ich sehe wieder etwas mehr aus, wie ich, eigentlich wie vorher, vielleicht ein bißchen weniger rot. Und ein bißchen weniger lebendig.

Ich lerne daraufhin noch, das man das Zeug mit einer Reinigungsmilch wieder runter kriegt, das man die Haut daraufhin aber unbedingt klären und pflegen solle.

Wie viel Zeit kann man damit verbringen? Wie viel Geld dafür ausgeben? Es lässt mich etwas fassungslos zurück. Ich beschließe zu meinem Minimal-Aufwand zurückzukehren, hie und da vielleicht mal öfter das Make-Up zu verwenden, sonst kippt das irgendwann um – gut aussehen und schlecht riechen erscheint mir auch nicht erstrebenswert – und den Rest der Zeit mit schöneren Dingen zu verbringen.

Denn, wenn ich schlecht drauf bin, dann kann ich auch so aussehen und wenn ich Lust auf Knüller-Rote-Lippen habe, dann ist das ok. Und die Lebenszeit, die ich mir damit spare lässt sich hervorragend anderweitig verwenden.

red.jpg

Paint it red.