Mal im Ernst jetzt.

“Es hat nichts mit mir zu tun. Dieses ganze Welt-Theater hat nichts mit mir zu tun.”

Sehr lange habe ich mich so hübsch selbst verblendet. Garniert mit: “Was kann ich schon dagegen tun? Ich bin so klein, so hilflos, nur eine Einzelne. Selbst wenn ich wollte. Gegen diese ganzen Goliaths.”

Gut. Legen wir das mal ad acta. Denn alles hat mit mir zu tun. Vermessen? Scheinbar. 

Gedankengang

Ich versuche mich mal an einer Erklärung. Während ich das schreibe sitze ich mit meiner Tochter zuhause im Distance Learning. Wegen Corona. Nein, eigentlich nicht wegen Corona, sondern wegen der Entscheidungen, die getroffen wurden, damit wir Corona in den Griff bekommen. Dagegen ist natürlich nichts zu sagen, schließlich liegt es im Interesse aller, dass nicht weitere Menschen an diesem Virus sterben, vulnerable Gruppen – und damit meine ich nicht nur die Altersgruppe Ü80 – geschützt werden und wir dieses Kapitel endlich hinter uns bringen. 

All about the money

Aber schauen wir uns die Prioritäten an: Wer bekommt die höchsten Förderungen? Große Wirtschaftsunternehmen. Wer sind die größten Steuervermeider weltweit? Wer verhindert somit quasi, dass Geld in die Staaten fließt und damit dem Gemeinwohl zugutekommt? Große Wirtschaftsunternehmen. Wir geben also gerade sehr großen Firmen das Geld, das sie uns auf dem Steuervermeidungsweg vorenthalten. Bei solchen Gedanken erlebt mein Unverständnis schon einen ordentlichen Aufgalopp.

Stellen wir uns mal vor, diese Gelder wären dem Gemeinwohl zugutegekommen, gerade jetzt in der Krise. Geld für gute Konzepte, um LehrerInnen und SchülerInnen vor dem Virus zu schützen. Geld für Infrastruktur in der Bildung. Geld, um möglicherweise diese Distance-Learning-Situation zu vermeiden. Müsste ich dann meinen Job halbieren, logistisch zaubern, um die Dinge am Laufe zu halten? Nein. Bekomme ich, bekommen tausende Eltern irgendeine Anerkennung für unseren Einsatz? Nein. Oh, wait, doch, da kam einmalig irgendetwas mit 300 Euro. 

Diese Situation hat also mit mir zu tun.

Wer entscheidet denn jetzt, wer welche Förderungen bekommt? Im Augenblick die Verantwortlichen in der Politik. Sicher kein leichter Job zurzeit. Nach welchen Prämissen wird dort gehandelt? Eine davon, die dauerhaft proklamiert wird: die Wirtschaft am Laufen zu halten. 

Wer ist denn nun diese abstrakte Wirtschaft? Unternehmen. Und in diesen Unternehmen arbeiten Menschen. Mit Kindern. So in etwa jemand wie ich. Bin ich also die Wirtschaft? Na ja, nicht so richtig. Die Unterstützungen landen schon in der Wirtschaft, also eher bei Aktionären, die Gewinnausschüttungen am Jahresende fordern und kontinuierliches Wachstum verfolgen. Ergo landet Geld dort, wo bereits Geld ist. Klar, einiges geht auch in Kurzarbeitergeld etc. keine Frage. Nichts desto trotz fliegt man als Arbeitnehmer eher raus, bevor Ausschüttungen gekürzt werden. 

US

Schauen wir mal weiter. Gestern randalieren weiße Menschen im Kapitol, schmeißen Scheiben ein, stören Prozesse in der Demokratie. Die Wahlmenschen in den USA hätten gestern schon Joe Biden als Präsidenten bestätigen sollen, konnten das aber nicht, wegen diesen Aufständischen. Hier, finde ich, sollte bewusst nicht von “Demonstranten” gesprochen werden, denn wer in öffentliche Gebäude eindringt, Dinge klaut und zerstört, ist deutlich mehr als das. Als Gedankenspiel mag man sich mal vorstellen, was los gewesen wäre, hätte es sich um Menschen der Black-lives-matter-Bewegung gehandelt. 

Die Polizei schaut größtenteils zu, scheint sogar Personen aus dem Kapitol hinauszubegleiten. Es dauert Stunden, bis die Situation gelöst ist. Es gibt – in Anbetracht der Menschenmengen dort – kaum Verhaftungen. 

Was für Bilder. Weiße, vorwiegend weiße Männer, teilweise in Bärenfell und mit der Konföderierten-Flagge behangen, spazieren relativ unbehelligt und angstfrei durch das Kapitol. 

Sie verhindern Demokratie. Verhindern, dass Prozesse, legitime Prozesse stattfinden. Jetzt gibt es Bilder, die Menschen bestärken, das auch woanders mal zu versuchen. Es ging ja schließlich alles sehr leicht. Vielleicht geht das ja auch hier, bei uns, bei mir. 

Wenn Demokratie verhindert wird, betrifft das auch mich. Ich möchte nicht in einer Diktatur leben. Ich möchte frei entscheiden können, wen ich wähle. Ich möchte nicht, dass ein paar durchgeknallte Bärenfellmänner für mich entscheiden, was gut ist. Nicht in den USA, nicht in Europa. 

Auch das hat – abstrakt, aber doch – mit mir zu tun.

Und jetzt?

Es lässt sich also nicht mehr so komfortabel schweigen. Eigentlich schon lange nicht mehr. Eigentlich schon nicht mehr seit Ibiza, seit Moria, seit Bunga-Bunga. Nicht mehr, weil Gleichbehandlung immer noch lachend abgetan wird, schutzsuchenden Menschen sichere Unterkünfte verwehrt werden, ein “Widerwärtiges Luder”-Sager belächelt sind, weil das Wort Femizid noch keinen ordentlichen Eingang in unsere Medien gefunden hat, Polit-Eitelkeiten mehr zählen als Menschenleben, Plastikmüllhalden ausgelagert werden, “sozial schwach” mit “selbst schuld” gleichgesetzt wird und die Börse als das Maß aller Dinge gilt.  

Es. hat. mit. uns. zu. tun. 

Wir sind so viele verschiedene Ichs. Wir könnten gemeinsam einiges bewirken. Alternativ können wir immer den anderen die Schuld, die Verantwortung, die Macht zuschieben. 

Aber mein kleines Ich mag das nicht mehr. 

Ich mag mich auch nicht aufregen, ereifern, wütend toben, auch wenn sich das aktuell nicht immer vermeiden lässt. Ich würde gerne vernünftige Diskurse führen. Auf Augenhöhe sprechen. Und Dinge ändern. Fürs Erste vielleicht dafür, dass meine Tochter nicht mit ihren Kindern in der nächsten Pandemie im Distance Learning sitzt und sich zwischen Job und Care-Arbeit zerreißt. 

P. S.

Das “Wie” hinterlässt mich nach wie vor ratlos. So viele lose Enden, die man aufgreifen, für die man sich engagieren kann. Vielleicht ist dieser Text ein Anfang. Vielleicht müssen einfach zuerst die Gedanken in die Welt, bevor sie sich in Tun verwandeln können. Und vielleicht finden sich dann genau die richtigen Menschen für genau die richtigen weiteren Schritte. 

Zitat aus dem Buch „Nerds retten die Welt“ von Sibylle Berg, Interview mit Frau Dr. Roig.

1 Kommentar

  1. Meine Firm-Gota meinte es gut mit mir, als sie mir angesichts meiner in mein politisches Engagement hineinwachsenden Wut riet, doch nicht alles so persönlich zu nehmen. Das machte mich noch wütender, denn ich halte längst diese Haltung für das größte Problem an der Sache. Umso dankbarer bin ich dir für dein Engagement, Katy! und dafür, dass du von dir sprichst. Danke!

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s