Liebe Welt,

Ich dachte, ich schreibe Dir mal, denn ich habe das Gefühl: Irgendetwas stimmt gerade nicht mit Dir. Irgendwie laufen die Dinge aus dem Ruder. Irgendwie haut da etwas gerade so gar nicht hin. 

Ich bin eigentlich ein besonnener Mensch. Ich denke gerne über Dinge nach, bevor ich mich äußere. Ich mag Menschen und ab und zu meine Ruhe. 

Aber jetzt ist es anders. Wenn ich ehrlich bin: Ich habe die Wut. Zuerst war sie klein, eher ein Unwohlsein. Aber es ging nicht weg. Es ist gewachsen. Und mit mehr Lesen, mehr Informieren, mehr Hingucken wächst sie weiter, die Wut. Und jetzt muss es einfach mal raus:

Ich habe eine unbändige Wut. 

Eine unbändige Wut auf Menschen, die andere Menschen umbringen, weil sie eine andere Hautfarbe haben. 

Auf strukturelle Ungerechtigkeiten die andere Hautfarben, Frauen, Gender, Minderheiten systematisch benachteiligen. 

Auf Blame-Gamer die sagen: Blame-Gaming ist doch Unsinn, aber die Chinesen sind schuld. 

Auf Weg-Gucker, die nicht reagieren, wenn sie Ungerechtigkeiten, Übergriffe sehen und die Schwachen alleine lassen. 

Auf Sei-Leise-und-Pscht-Sager, auf Das-Gehört-Sich-Nicht-Murmler, denen es ausschließlich um den Erhalt ihrer Privilegien geht. 

Eine unbändige Wut auf Nichts-Tuer. 

Auf Herum-Schreier. 

Auf Sich-im-Recht-Fühler. 

Auf Das-Wird-Man-Ja-Wohl-Noch-Sagen-Dürfen-Menschen.

Auf Message Control.

Auf Männer, die laut schreien, wenn sie eigentlich besser die – mit Verlaub – Fresse halten sollten. 

Auf Menschen, die Bildung nicht fördern, damit möglichst viele dumm gebliebene Idioten später die gleichen dummen Idioten wählen. 

Auf Familien-Ministerinnen, die Babys PR-wirksam Hunderter zustecken.

Auf Unternehmen, die Riesen-Dividenden auszahlen und Kurzarbeitergeld einstecken.

Auf Wirtschaftskammer-Bosse, die mit Magnum-Flaschen posieren und wieder genießen.

Auf Präsidenten, die mit der Bibel in der Hand Militäreinsätze in Washington anordnen. 

Auf Kanzler, die meinen Hilfs-Auszahlungen kämen nicht an, weil die Betroffenen ja nicht in der Lage seien Ihren Namen zu schreiben. 

Auf müdes Klatschen für systemrelevante Berufe ohne substantielle Unterstützungen anzubieten. 

Auf Golf- und Segelflug-Platz-Öffner, die sich nicht einen Deut Gedanken um Eltern und Schulen machen. Und darum, wie systemrelevante Eltern das eigentlich schaffen sollen. 

Wann ist der Humanismus eigentlich derartig den Bach herunter gegangen? 

Und, ja, surprise, surprise, ich bin emotional. Scheiße noch eins, ich werde das auch noch eine Weile bleiben. Weil ich wütend bin.

Weil ich mich, wenn ich nicht mehr wütend wäre, hinlegen müsste, um zu weinen. 

Weil ich keine Antworten habe. Weil ich, wie so viele andere hoffe, dass klügere Menschen als ich Antworten haben. Weil ich ohne Wut zu erschöpft wäre, um meine Systemrelevanz zu erfüllen. 

Nein. Ich habe keine Antworten. Aber ich habe Fragen. Und ich finde, das ist schon mal ein ziemlich kluger Anfang.

Liebe Welt,

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